Magic Rangers
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Kapitel 1
Der Saloon, in dem ich sitze, ist laut, dreckig und trotz der kalten Novembertemperaturen stickig. Die meisten Gäste, die mit mir hier sind, würde man mit viel gutem Willen als zwielichtig beschreiben. Trotzdem falle ich mit meiner sauberen und hochwertigen Kleidung nicht allzu sehr auf, da wir uns in einer größeren Stadt befinden und sich immer mal wieder gut betuchtere Personen in solchen Etablissements einfinden. Und zudem ist das Essen wirklich gut. Vor mir steht eine große Schüssel gebackener Bohnen mit Speck sowie gebratenen Kartoffeln und ein kleiner Laib frisch gebackenes Brot. Selbst das Bier hier ist akzeptabel.
Während ich so mein Essen, mein Bier und meine einfache Existenz genieße, setzt sich eine zierliche Gestalt mit einem Mantel und einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze zu mir an den Tisch. Eine weibliche Stimme erklingt leise unter der Kapuze, etwas außer Atem: „Kann ich mich kurz hier ausruhen? Ich störe dich nicht lange.“ Ich winke ab und erwidere, während ich weiter esse: „Dies ist ein freies Land, und der Tisch gehört mir nicht. Tu dir also keinen Zwang an.“
„Danke“, antwortet meine mysteriöse Tischnachbarin nur, doch im selben Moment ertönt ein lautes Knurren aus ihrer Richtung. Sie scheint ziemlich ausgehungert zu sein, denn auch wenn ich ihr Gesicht nicht sehen kann, scheint ihr Blick auf mein Essen fixiert zu sein.
„Warum bestellst du dir nicht auch etwas, wenn du so einen Hunger hast?“, frage ich mit einem leichten Grinsen, wohl wissend, dass sie wahrscheinlich kein Geld hat, um sich etwas zu bestellen. Aber vielleicht finde ich ja so etwas mehr über sie heraus. Ihr Kopf ruckt zur Seite und etwas ruppig antwortet sie: „Wer sagt, dass ich hungrig bin? Ich bin lediglich hier, um mich etwas aufzuwärmen.“
„Oh. Das könnte dich aber in Schwierigkeiten mit dem Wirt bringen. Er mag es gar nicht, wenn Leute sich in seinem Saloon aufhalten, aber nichts bestellen.“ Meine Tischnachbarin wird nervös, guckt sich um. Sie ist schon dabei, wieder aufzustehen, da schiebe ich ihr meinen noch fast unangetasteten Teller mit Bohnen und Brot rüber. Zudem gebe ich dem Wirt ein Zeichen, noch ein Bier zu bringen. Langsam und zögerlich lässt sie sich wieder auf den Stuhl sinken, aber der Hunger siegt, und ohne ein weiteres Wort fängt sie an zu essen. Erst zögerlich, aber dann schlingt sie das Essen herunter wie ein Wolf, der kurz vorm Verhungern ist. Vielleicht war sie das ja auch? Als sie sich fast am Brot verschluckt, schiebe ich ihr auch mein Bier herüber, welches sie in fast einem Zug leert.
„Na, geht es dir jetzt besser?“, will ich mit einem verschmitzten Grinsen wissen.
„Ja… Danke…“, ertönt es verlegen unter der Kapuze. „Ich war wohl… hungriger, als ich dachte.“
Bevor ich weiter mit ihr reden kann, schwingen die Türen des Saloons mit einem lauten Krachen auf. Zwei Männer betreten den Saloon und schauen sich suchend um, bis ihre Blicke an der Frau mit der Kapuze hängen bleiben. Ein böses Grinsen entsteht auf den Gesichtern der beiden. Der Mann, der vornweg geht, ist ein Mensch. Nicht besonders auffällig, groß oder kräftig. Er trägt zwei Revolver an der Hüfte, einen alten, schäbigen Cowboyhut und Stiefel. Weitaus auffälliger ist sein Kumpane: ein riesiger, massiger Ork mit gelbgrüner Haut und krummen Hörnern. Er trägt Federschmuck und Stammestätowierungen und muss wohl zum Kar-Tuul-Stamm im Süden gehören. Alles gute Krieger und Fährtenleser, aber leider Gottes nicht die Allerhellsten. Er ist mit einem großen Tomahawk und einer Schrotflinte bewaffnet. Gut. Da beide Waffen tragen, scheint keiner von ihnen magisch begabt zu sein. Zumindest nicht in dem Maße, dass er sich im Kampf darauf verlassen könnte.
Mein unerwarteter Gast schaut kurz über ihre Schulter, und als sie die Männer erblickt, versteift sie sich und scheint hektisch nach einem Ausweg zu suchen.
„Bleib ganz ruhig, okay. Wenn du jetzt wegrennst, wird alles nur noch schlimmer. Lass mich das einfach regeln“, versuche ich sie mit ruhiger Stimme zu beruhigen, während ich die beiden Kerle weiter im Auge behalte. Es sind Kopfgeldjäger, da bin ich mir sicher.
Als die Männer unseren Tisch erreichen, spricht der Mensch uns an: „Na, wen haben wir denn hier? Ist es nicht etwas unhöflich, sich in einem Saloon so zu verhüllen?“ Seine Hand hebt sich und will die Kapuze greifen und herunterreißen, doch ich lege mit einem leisen Knallen meinen Revolver auf den Tisch, den Lauf in seine Richtung zeigend. Zudem öffne ich meine Jacke etwas, und darunter kommt ein glänzendes Abzeichen zum Vorschein, das mich als Magic Ranger ausweist. Die Magic Ranger sind eine Organisation von Magiebegabten, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Verbrechen zu untersuchen und das Land zu schützen. Man könnte sagen, wir sind so etwas wie eine externe Polizeibehörde, die zwar mit dem Staat zusammenarbeitet, ihm aber nicht unterstellt ist. Wir sind auch bereit, Aufträge anderer Nationen zu übernehmen, solange diese nicht die Sicherheit des Landes gefährden.
Zumindest weiten sich die Augen des Kopfgeldjägers, als er meine Marke erblickt, und sein orkischer Kumpan grollt wütend. Kopfgeldjäger sind staatlich überwacht und haben zum Teil Befugnisse, welche normale Bürger nicht haben. Zum Beispiel dürfen sie Personen festsetzen und dabei sogar Gewalt anwenden, sollte dies nötig sein, und je nach Auftrag dürfen sie ihr Zielobjekt auch töten, ohne dafür belangt zu werden. Doch ein Magic Ranger ist ihnen in Punkten Rang und Befugnissen haushoch überlegen.
Mit einem süffisanten Lächeln wende ich mich an ihn:
„Na, es mag zwar unhöflich sein, sich zu verhüllen, aber mindestens genauso unhöflich ist es, ungefragt jemanden anzufassen, findest du nicht?“
Der Mann presst seine Zähne aufeinander, sodass es knirscht, unschlüssig, was er tun soll. Nach ein paar Sekunden Stille presst er hervor:
„Das hier ist wahrscheinlich eine gesuchte Verbrecherin. Wir sind ihr schon seit Tagen auf den Fersen. Du willst doch nicht etwa dabei helfen, dass sie ihrer gerechten Strafe entkommt, oder Ranger?“ Er meint und denkt, dass er ein gutes Argument vorgebracht hat und mich damit unter Druck setzen kann. Aber als ob ich mich von einem dahergelaufenen Kopfgeldjäger einschüchtern lasse. Immer noch mit einem Lächeln auf meinem Gesicht, welches allerdings nicht meine Augen erreicht, erkläre ich ihm lehrerhaft:
„Mein Freund. Ich glaube, dass hier ein Missverständnis vorliegt. Mein Gast hier ist schon seit Tagen mit mir auf einer diplomatischen Reise. Ich diene als Geleitschutz. Mir scheint hier also eine Verwechslung vorzuliegen. Zudem erlitt sie in ihrer Jugend einen schrecklichen Unfall, der ihr Gesicht entstellte. Deswegen möchte sie nicht, dass ihr Gesicht in der Öffentlichkeit zu sehen ist.“
Ich schaue ihn eindringlich an und er ist sich absolut bewusst, dass ich lüge. Aber was soll er schon tun? Das Wort eines Rangers wiegt um einiges mehr als das eines Kopfgeldjägers. Um die Sache nicht eskalieren zu lassen, entspanne ich meine Haltung etwas und hole einen Silberdollar aus meiner Tasche, den ich ihm zuschnipse. Das ist genug Geld, damit sich die beiden bis zur Besinnungslosigkeit betrinken könnten.
„Hier, mein Freund. Als kleine Entschädigung für eure vertane Zeit.“
Der Mann fängt die Münze und lächelt mich falsch an, ehe er sagt:
„Oh, wie großzügig, Herr Ranger. Dann wollen wir unsere Diplomatin hier mal in Ruhe lassen.“
Das Wort „Diplomatin“ tropfte nur so vor sarkastischem Unterton, aber zumindest waren wir die beiden fürs Erste los. Die Frage ist nur: für wie lange?
Mein vermummter Gast scheint sich leicht zu entspannen und spricht mit leiser Stimme:
„Danke. Für… das Essen. Und auch für eben. Aber… warum?“
Ich stecke meinen Revolver wieder in meinen Holster und schlage das Revers meiner Jacke zurück, ehe ich antworte. Ich seufze.
„Warum? Erstens: Ich kann es nicht mit ansehen, wenn jemand Hunger leidet. Als ehemaliges Waisenkind weiß ich nur zu gut, wie das ist. Zweitens: Ich bin schon generell kein Fan von Kopfgeldjägern, aber welche, die sich mit Kar Tuul zusammentun, kann ich nur verachten. Nicht umsonst werden die Krieger der Kar Tuul Schlächter genannt. Und drittens: Ich behaupte, dass ich ein gutes Gespür für Menschen habe. Ich will erst mal deine Version der Geschichte hören, bevor ich dich ungesehen in die Hände von solchen Kerlen gebe. Also? Wie ist dein Name und was hast du getan, dass solche Kerle hinter dir her sind?“
Für ein paar Sekunden herrscht Schweigen, doch dann beginnt die Frau zu erzählen.
„Mein Name ist Kaalitha. Ich komme ursprünglich aus dem großen Elfenreservat hinter den Dragon Mountains. Allerdings… musste ich von dort weg. Warum, ist egal. Seitdem sind diese Typen hinter mir her.“
Mein Blick verfinstert sich etwas und mit ernster Stimme erwidere ich:
„Gerade das WARUM interessiert mich. Ich bin Ranger, wie du mitbekommen hast. Und allein der Fakt, dass du von Kopfgeldjägern gesucht wirst, würde reichen, dich in Gewahrsam zu nehmen. Was aber wahrscheinlich besser wäre, als mit den beiden Typen mitzugehen, oder nicht?“
Bei der Erwähnung, dass die Kopfgeldjäger sie mitnehmen könnten, zuckt Kaalitha zusammen. Widerwillig fängt sie an zu erzählen.
„Ich… ich wollte meinen Bruder beschützen. Wie du sicherlich weißt, steht das Reservat unter dem Schutz eines Drachen. Als Gegenleistung für seinen Schutz verlangt der Drache von uns einen Tribut. Alle zehn Jahre müssen wir einen Auserwählten dem Drachen übergeben. Diese Person muss über ein hohes magisches Talent verfügen und darf nicht älter als zwanzig Jahre sein. Dieses Jahr war es wieder so weit und der Auserwählte…“
Sie bricht ab, und ich vollende ihren Satz ohne Rücksicht zu nehmen:
„… war dein Bruder. Okay, soweit klar. Was hast du getan, dass du aus dem Reservat fliehen musstest?“
Wieder eine kurze Pause, ehe sie fortfährt:
„Ich bin mit meinem Bruder geflohen. Natürlich wurden wir sofort verfolgt. Mein Vater… ein Stammesoberhaupt… verfolgte uns bis an die Grenzen des Reservates. Fast hätten wir es geschafft, doch er und seine Männer überwältigten uns. Ich konnte ihn niederschlagen und fliehen, doch mein Bruder…“
Ich höre ein leises Schluchzen unter der Kapuze. Ich seufze noch einmal tief. Ich kann Frauen einfach nicht weinen sehen. Scheint eine schlechte Angewohnheit von mir zu sein.
„Okay, okay. Warum weinst du jetzt?“
Die Kapuze hebt sich und ein leises, ungläubiges Wispern ertönt von Kaalitha.
„Warum? Warum fragst du? Sie haben meinen Bruder… dem Drachen geopfert! Sie haben ihn in seinen Tod geschickt!“
Nun ist es an mir, ungläubig zu schauen.
„Bitte, was? Opfern? Tod? Was redest du da? Lässt man euch wirklich glauben, der Drache würde die Tribute, die er fordert… fressen oder so?“
Man merkt, wie Kaalitha unschlüssig wird, was sie sagen soll.
„Aber… nein, so direkt hat es nie jemand gesagt. Jeder Tribut… in all den Jahren… niemand kam je zurück. Das muss doch bedeuten…“
Ich schlage meine flache Hand an meine Stirn, was Kaalitha etwas aufschrecken lässt.
„Ernsthaft?! Du gehst einfach davon aus, dass nur weil keiner der Tribute jemals ins Reservat zurückgekehrt ist, der Drache sie gefressen hat? Also nur mal angenommen, es wäre so, dass der Drache sie frisst, warum verlangt er dann nur alle zehn Jahre einen Tribut? Glaubst du, er ist zehn Jahre lang satt von einem schmächtigen Elf? Und warum muss er magisches Talent haben? Wenn es nur ums Fressen gehen würde, könnte ein Drache sich doch einfach nehmen, was er haben will. Bist du nie auf den Gedanken gekommen, dass vielleicht etwas anderes hinter den Tributen steckt? Und hast du nie deinen Vater danach befragt oder einen der Dorftältesten?“
Kaalitha schweigt und ich fahre fort:
„Pass auf. Die Tribute sollen jung und magisch talentiert sein. Und zwar aus dem einzigen Grund, weil sie als Lehrlinge für den Drachen dienen. Er unterweist sie in Magie!“
Kaalitha keucht auf.
„Was? Lehrlinge? Magie?! Aber woher… willst du das wissen?“
Ich lächle.
„Woher? Ganz einfach. Ich war ebenfalls sein Lehrling.“
Ein Keuchen.
„Was?“ Dann lauter, sodass sich einige Blicke auf uns richten:
„DU WARST SEIN LEHRLING?!“
Ich versuche, Kaalitha schnell zu beruhigen.
„Hey, leiser, verdammt. Wir sollten nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf uns ziehen als sowieso schon. Außerdem sind die beiden Kopfgeldjäger eben raus. Wir sollten auch zusehen, dass wir verschwinden.“
Kaalitha schaltet erstaunlich schnell um und beruhigt sich.
„Ja, du hast recht. Am besten nehmen wir die Hintertür.“
Ich schüttele meinen Kopf.
„Vergiss es. Die Typen waren ja mindestens zu zweit, und selbst wenn sie nicht die Schlauesten sind, wird bestimmt einer von denen die Hintertür im Blick haben. Wir gehen übers Dach.“
„Übers Dach? Bist du verrückt? Die nächsten Häuser sind auf allen Seiten bestimmt drei oder vier Meter entfernt!“, zischt sie.
„Lass das mal meine Sorge sein. Ich hab da so meine Tricks“, zwinkere ich ihr zu und stehe auf, mache mich auf zur Treppe, die in den ersten Stock führt. Auch wenn sie Bedenken hatte, folgte Kaalitha mir schnell.
Als alteingesessener Ranger hatte ich natürlich vorab den Saloon ausgekundschaftet und fand die Leiter hinauf unters Dach sofort. Auch die Luke hinauf aufs Dach war leicht zu finden. Wir beide steigen lautlos aufs Dach. Dass wir uns nahezu lautlos bewegen, liegt in Kaalithas Fall daran, dass sie zum Volk der Elfen gehört und es ein angeborenes Talent ist. In meinem Fall kommt es von Windmagie. Ich gehe sozusagen auf Luftkissen.
„Okay, wir müssen Richtung Westen. Dort am Rande von Dust City habe ich mein Reittier untergebracht.“
„Das ist ja alles schön und gut, aber wie kommen wir jetzt bitte auf das andere Gebäude? So weit springen kann niemand“, gibt Kaalitha zu bedenken.
Ich schaue sie mit einem breiten Grinsen an.
„Vertraust du mir?“
Ohne auch nur auf ihre Antwort zu warten, nehme ich Anlauf und springe. Ich komme knapp drei Viertel der Distanz weit mit meinem Sprung, aber ich würde unweigerlich in die Gasse zwischen den Häusern fallen, wenn ich nicht noch einen Trick auf Lager hätte. Ich nutze dieselbe Magie wie um meine Schritte zu verschleiern, nur dass ich dieses Mal das Luftkissen etwas größer mache und ihm stabilere Gestalt gebe, sodass ich wie auf eine Stufe trete. Diese Magie wird Luftschritt genannt, und Magier mit mehr magischer Kraft können sogar weite Distanzen mit dem Luftschritt überbrücken, was fast wie Fliegen wirkt. So kann ich die restliche Distanz mit einem weiteren Sprung überwinden.
Als ich drüben angekommen bin, winke ich ihr zu, dass sie auch springen soll. Kaalitha guckt mich nur ungläubig an und schüttelt mit dem Kopf, gestikuliert wild, um anzudeuten, dass sie das nicht schafft. Doch dann dreht sie sich um und guckt panisch. Wie es scheint, ist jemand dabei, aufs Dach zu kommen. Sie muss sich entscheiden: entdeckt werden oder springen. Sie entscheidet sich zu springen.
Ich beobachte sie genau, und im richtigen Moment wirke ich Luftschritt. Ich kann Kaalithas erstauntes Gesicht sehen, als ihr Fuß auf Widerstand trifft. Sie hat gute Reflexe und springt ebenso wie ich mit einem zweiten Satz zu mir auf das gegenüberliegende Dach. Schnell verstecken wir uns hinter einem Schornstein und gucken hinüber auf das Dach vom Saloon. Es ist dunkel, aber der Vollmond beleuchtet das Dach schwach und wir können die Silhouette des Kopfgeldjäger-Orks erkennen, der vorher im Saloon war. Nach ein paar Minuten des Suchens geht er zum Rand des Daches und starrt in unsere Richtung. Kurz hatte ich die Befürchtung, dass er uns gesehen haben könnte, aber dann schüttelt er nur ungläubig den Kopf und geht wieder vom Dach zurück in den Saloon. Gut, er scheint nicht zu glauben, dass wir rübergesprungen sind.
Ich atme erleichtert aus.
„Puhhhh… das war knapp. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so schnell nach uns suchen werden. Auu…“
Kaalitha verpasst mir einen Schlag auf die Schulter und zischt:
„Bist du wahnsinnig?! Was. War. Das. Gerade?!“
„Hey, ganz ruhig, Miss Aggressionsprobleme. Das war gerade Luftschritt. Noch nie davon gehört?“
Immer noch säuerlich guckt mich Kaalitha an.
„Nein. Habe ich nicht. Zur Info: Ich bin ein einfacher Gunslinger. Ich habe keine Ahnung von Magie.“
Ah, ein Gunslinger also. Personen im militärischen Bereich werden in drei Gruppen eingeteilt. Gunslinger sind Kämpfer, die keinerlei Magie nutzen können. Sie kämpfen und verteidigen sich lediglich mit Kampfkunst und physischen Waffen wie Schwertern, Äxten oder Bögen, Pistolen sowie Gewehren. Dann gibt es noch die sogenannten Spellcaster. Magier, die genug magische Kraft besitzen, um rein mit Sprüchen zu kämpfen. Sie stellen die größte Gefahr in einem Kampf dar, da sie massiven Schaden verursachen können, und das auch noch auf Distanz. Der Nachteil ist, dass ihre starken Sprüche Vorbereitungszeit benötigen. Sie müssen ihre magische Energie kanalisieren, meist mithilfe von Rezitationen bestimmter Formeln. Währenddessen sind sie angreifbar. Die meisten Zauber, welche ohne Formen gewirkt werden können, sind in etwa so gefährlich wie Kugeln. Und dann gibt es noch Leute wie mich: Spell Slinger. Leute, welche zwar Magie wirken können, welche aber so schwach ist, dass sie keine oder nur kaum Auswirkung hätte, würde man sie allein im Kampf einsetzen. Um diesen Mangel an Kraft zu kompensieren, wurden magische Waffen entwickelt, welche mithilfe von Zufuhr geringer magischer Energie zum Angriff genutzt werden können.
Nachdem geklärt ist, dass Kaalitha keine Magie nutzen kann, setzen wir unseren Weg über die Dächer fort. Zum Glück gewöhnt sich Kaalitha schnell an die ungewöhnliche Fortbewegungsmethode und nach zehn Minuten haben wir den Stall erreicht, in dem ich mein Reittier untergebracht habe. Wir schleichen uns in den Stall und ich entzünde eine Laterne. Als Hasbar, mein Reittier, vom Licht erleuchtet wird, höre ich ein scharfes Einatmen. Kaalitha, die ängstlich einen Schritt zurückweicht:
„Oh. Stimmt. Ich hätte erwähnen sollen, dass mein Reittier ein Sleip ist.“
Ich gluckse leicht. Sleips sind selten und schwer zu zähmen, da sie stark und wild sind. Gelingt es einem aber, sind sie die loyalsten und zuverlässigsten Reittiere und Gefährten, die es gibt. Es sind mystische Tiere, die Ähnlichkeiten mit normalen Pferden haben. Aber das war es auch schon. Sie sind größer als das durchschnittliche Pferd, haben ein tiefes, dunkles, schwarzes, leicht lila schimmerndes Fell und sechs Beine. Zudem besitzen sie noch zwei Hörner, ähnlich wie bei Steinböcken, mit welchen sie sich verteidigen können, und sie haben tiefrot glühende Augen.
„Das ist Hasbar.“ Ich streichle Hasbar über das Fell, um Kaalitha zu zeigen, dass er nichts tut. „Er wird uns schnell aus der Stadt bringen.“
„Da… das… DAS ist ein verdammter Sleip! Wie… warum…“, stammelt Kaalitha immer noch erschrocken.
„Tja. Als Lehrling eines Drachen und Mitglied der Magic Ranger hat man so einige Vergünstigungen und Privilegien“, grinse ich sie an. „Aber komm… wir sollten uns beeilen, wer weiß…“
Weiter komme ich nicht, da sich die Tür öffnet und ein uns bekanntes Gesicht den Stall betritt: der Kopfgeldjäger, welcher uns zusammen mit seinem orkischen Kumpan im Saloon bereits seine Ehre erwiesen hat. Er begrüßt uns mit schnarrender Stimme und auf uns gerichteten Revolver.
„Aha… der gute Herr Ranger und seine diplomatische Freundin.“
Er grinst böse.
„Uhhh, welch eine Überraschung. Das Gesicht Ihrer Diplomatin scheint ja doch nicht ganz so entstellt zu sein. Und es hat erstaunliche Ähnlichkeit mit dem unserer gesuchten Verbrecherin.“
Ich seufze tief.
„Dass es sich dabei nur um reinen Zufall handelt, wirst du wahrscheinlich nicht glauben, habe ich recht? Dir ist aber schon klar, dass du nicht einfach einen Ranger abknallen kannst, oder?“
Der Kopfgeldjäger grinst jetzt noch gemeiner.
„Oh, keine Angst, Ranger. ICH werde dich nicht abknallen. Das wird unsere nette kleine Elfe hier tun. Und danach werde ich sie erschießen, in dem Versuch, dem Ranger zur Hilfe zu eilen. Leider Gottes bin ich etwas zu spät und der Ranger ist schon tot. Zumindest werde ich es so erzählen. Ich meine, wer soll meine Geschichte widerlegen, wenn ihr beide mit Blei vollgepumpt seid?“
Ich muss zugeben, der Kerl scheint nicht halb so dumm zu sein, wie er aussieht. Aber ich bin trotzdem schneller und besser ausgebildet als er.
„Hey, Kaalitha. Du bist schnell, richtig?“ richte ich eine Frage an meine elfische Begleitung, ohne den Kopfgeldjäger aus den Augen zu lassen. Dieser guckt etwas verdutzt.
„Ähm… ja, aber was tut das jetzt zur Sache? Schneller als eine Kugel bin ich auch nicht“, ätzt Kaalitha zurück.
„Ach, keine Angst. Das sollte kein Problem sein.“
Kaum dass ich meinen Satz beendet habe, schnellt mein Arm vor, welcher sich während des Gesprächs hinter meinem Rücken vorgearbeitet hat. An der Wand hinter mir hing ein Hufeisen, welches ich nun, verstärkt durch Magie, mit unmenschlicher Geschwindigkeit werfe. Das Hufeisen trifft zielgenau die Waffe des Kopfgeldjägers und presst sie ihm aus der Hand. Fast im gleichen Augenblick rufe ich:
„Kaalitha! Schlag ihn K. O.!“
Ohne zu zögern sprintet Kaalitha vorwärts und verpasst dem verblüfften Kopfgeldjäger einen Kinnhaken, der ihn fliegen lässt. Ich ziehe nun selbst meinen magischen Revolver und gehe langsam und vorsichtig zu dem am Boden liegenden Mann. Aber er ist bewusstlos und rührt sich nicht mehr. Ich gucke Kaalitha grinsend an.
„Wow… hinter deinen Schlägen steckt ganz schön Wumms. Erinner mich dran, dich nicht zu wütend zu machen.“
Kaalitha schaut mich grimmig an und erwidert:
„Es fehlt nicht mehr viel und ich bin tatsächlich ZU wütend auf dich. Weihe mich gefälligst in deine Pläne ein! Was hättest du gemacht, wenn ich nicht verstanden hätte, was du von mir willst?!“
Ich zucke mit den Schultern.
„Hmmm… ich hätte improvisiert.“
Ich sehe, wie Kaalitha Kiefer mahlt.
„Improvisiert…“, presst sie hervor, und ich lache.
Ich steige auf Hasbar und halte Kaalitha meine Hand hin, um ihr hochzuhelfen. Zwar guckt sie immer noch skeptisch, nimmt aber meine Hand und lässt sich hinter mir auf Hasbar ziehen.
„Halt dich fest.“
Während ich so mein Essen, mein Bier und meine einfache Existenz genieße, setzt sich eine zierliche Gestalt mit einem Mantel und einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze zu mir an den Tisch. Eine weibliche Stimme erklingt leise unter der Kapuze, etwas außer Atem: „Kann ich mich kurz hier ausruhen? Ich störe dich nicht lange.“ Ich winke ab und erwidere, während ich weiter esse: „Dies ist ein freies Land, und der Tisch gehört mir nicht. Tu dir also keinen Zwang an.“
„Danke“, antwortet meine mysteriöse Tischnachbarin nur, doch im selben Moment ertönt ein lautes Knurren aus ihrer Richtung. Sie scheint ziemlich ausgehungert zu sein, denn auch wenn ich ihr Gesicht nicht sehen kann, scheint ihr Blick auf mein Essen fixiert zu sein.
„Warum bestellst du dir nicht auch etwas, wenn du so einen Hunger hast?“, frage ich mit einem leichten Grinsen, wohl wissend, dass sie wahrscheinlich kein Geld hat, um sich etwas zu bestellen. Aber vielleicht finde ich ja so etwas mehr über sie heraus. Ihr Kopf ruckt zur Seite und etwas ruppig antwortet sie: „Wer sagt, dass ich hungrig bin? Ich bin lediglich hier, um mich etwas aufzuwärmen.“
„Oh. Das könnte dich aber in Schwierigkeiten mit dem Wirt bringen. Er mag es gar nicht, wenn Leute sich in seinem Saloon aufhalten, aber nichts bestellen.“ Meine Tischnachbarin wird nervös, guckt sich um. Sie ist schon dabei, wieder aufzustehen, da schiebe ich ihr meinen noch fast unangetasteten Teller mit Bohnen und Brot rüber. Zudem gebe ich dem Wirt ein Zeichen, noch ein Bier zu bringen. Langsam und zögerlich lässt sie sich wieder auf den Stuhl sinken, aber der Hunger siegt, und ohne ein weiteres Wort fängt sie an zu essen. Erst zögerlich, aber dann schlingt sie das Essen herunter wie ein Wolf, der kurz vorm Verhungern ist. Vielleicht war sie das ja auch? Als sie sich fast am Brot verschluckt, schiebe ich ihr auch mein Bier herüber, welches sie in fast einem Zug leert.
„Na, geht es dir jetzt besser?“, will ich mit einem verschmitzten Grinsen wissen.
„Ja… Danke…“, ertönt es verlegen unter der Kapuze. „Ich war wohl… hungriger, als ich dachte.“
Bevor ich weiter mit ihr reden kann, schwingen die Türen des Saloons mit einem lauten Krachen auf. Zwei Männer betreten den Saloon und schauen sich suchend um, bis ihre Blicke an der Frau mit der Kapuze hängen bleiben. Ein böses Grinsen entsteht auf den Gesichtern der beiden. Der Mann, der vornweg geht, ist ein Mensch. Nicht besonders auffällig, groß oder kräftig. Er trägt zwei Revolver an der Hüfte, einen alten, schäbigen Cowboyhut und Stiefel. Weitaus auffälliger ist sein Kumpane: ein riesiger, massiger Ork mit gelbgrüner Haut und krummen Hörnern. Er trägt Federschmuck und Stammestätowierungen und muss wohl zum Kar-Tuul-Stamm im Süden gehören. Alles gute Krieger und Fährtenleser, aber leider Gottes nicht die Allerhellsten. Er ist mit einem großen Tomahawk und einer Schrotflinte bewaffnet. Gut. Da beide Waffen tragen, scheint keiner von ihnen magisch begabt zu sein. Zumindest nicht in dem Maße, dass er sich im Kampf darauf verlassen könnte.
Mein unerwarteter Gast schaut kurz über ihre Schulter, und als sie die Männer erblickt, versteift sie sich und scheint hektisch nach einem Ausweg zu suchen.
„Bleib ganz ruhig, okay. Wenn du jetzt wegrennst, wird alles nur noch schlimmer. Lass mich das einfach regeln“, versuche ich sie mit ruhiger Stimme zu beruhigen, während ich die beiden Kerle weiter im Auge behalte. Es sind Kopfgeldjäger, da bin ich mir sicher.
Als die Männer unseren Tisch erreichen, spricht der Mensch uns an: „Na, wen haben wir denn hier? Ist es nicht etwas unhöflich, sich in einem Saloon so zu verhüllen?“ Seine Hand hebt sich und will die Kapuze greifen und herunterreißen, doch ich lege mit einem leisen Knallen meinen Revolver auf den Tisch, den Lauf in seine Richtung zeigend. Zudem öffne ich meine Jacke etwas, und darunter kommt ein glänzendes Abzeichen zum Vorschein, das mich als Magic Ranger ausweist. Die Magic Ranger sind eine Organisation von Magiebegabten, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Verbrechen zu untersuchen und das Land zu schützen. Man könnte sagen, wir sind so etwas wie eine externe Polizeibehörde, die zwar mit dem Staat zusammenarbeitet, ihm aber nicht unterstellt ist. Wir sind auch bereit, Aufträge anderer Nationen zu übernehmen, solange diese nicht die Sicherheit des Landes gefährden.
Zumindest weiten sich die Augen des Kopfgeldjägers, als er meine Marke erblickt, und sein orkischer Kumpan grollt wütend. Kopfgeldjäger sind staatlich überwacht und haben zum Teil Befugnisse, welche normale Bürger nicht haben. Zum Beispiel dürfen sie Personen festsetzen und dabei sogar Gewalt anwenden, sollte dies nötig sein, und je nach Auftrag dürfen sie ihr Zielobjekt auch töten, ohne dafür belangt zu werden. Doch ein Magic Ranger ist ihnen in Punkten Rang und Befugnissen haushoch überlegen.
Mit einem süffisanten Lächeln wende ich mich an ihn:
„Na, es mag zwar unhöflich sein, sich zu verhüllen, aber mindestens genauso unhöflich ist es, ungefragt jemanden anzufassen, findest du nicht?“
Der Mann presst seine Zähne aufeinander, sodass es knirscht, unschlüssig, was er tun soll. Nach ein paar Sekunden Stille presst er hervor:
„Das hier ist wahrscheinlich eine gesuchte Verbrecherin. Wir sind ihr schon seit Tagen auf den Fersen. Du willst doch nicht etwa dabei helfen, dass sie ihrer gerechten Strafe entkommt, oder Ranger?“ Er meint und denkt, dass er ein gutes Argument vorgebracht hat und mich damit unter Druck setzen kann. Aber als ob ich mich von einem dahergelaufenen Kopfgeldjäger einschüchtern lasse. Immer noch mit einem Lächeln auf meinem Gesicht, welches allerdings nicht meine Augen erreicht, erkläre ich ihm lehrerhaft:
„Mein Freund. Ich glaube, dass hier ein Missverständnis vorliegt. Mein Gast hier ist schon seit Tagen mit mir auf einer diplomatischen Reise. Ich diene als Geleitschutz. Mir scheint hier also eine Verwechslung vorzuliegen. Zudem erlitt sie in ihrer Jugend einen schrecklichen Unfall, der ihr Gesicht entstellte. Deswegen möchte sie nicht, dass ihr Gesicht in der Öffentlichkeit zu sehen ist.“
Ich schaue ihn eindringlich an und er ist sich absolut bewusst, dass ich lüge. Aber was soll er schon tun? Das Wort eines Rangers wiegt um einiges mehr als das eines Kopfgeldjägers. Um die Sache nicht eskalieren zu lassen, entspanne ich meine Haltung etwas und hole einen Silberdollar aus meiner Tasche, den ich ihm zuschnipse. Das ist genug Geld, damit sich die beiden bis zur Besinnungslosigkeit betrinken könnten.
„Hier, mein Freund. Als kleine Entschädigung für eure vertane Zeit.“
Der Mann fängt die Münze und lächelt mich falsch an, ehe er sagt:
„Oh, wie großzügig, Herr Ranger. Dann wollen wir unsere Diplomatin hier mal in Ruhe lassen.“
Das Wort „Diplomatin“ tropfte nur so vor sarkastischem Unterton, aber zumindest waren wir die beiden fürs Erste los. Die Frage ist nur: für wie lange?
Mein vermummter Gast scheint sich leicht zu entspannen und spricht mit leiser Stimme:
„Danke. Für… das Essen. Und auch für eben. Aber… warum?“
Ich stecke meinen Revolver wieder in meinen Holster und schlage das Revers meiner Jacke zurück, ehe ich antworte. Ich seufze.
„Warum? Erstens: Ich kann es nicht mit ansehen, wenn jemand Hunger leidet. Als ehemaliges Waisenkind weiß ich nur zu gut, wie das ist. Zweitens: Ich bin schon generell kein Fan von Kopfgeldjägern, aber welche, die sich mit Kar Tuul zusammentun, kann ich nur verachten. Nicht umsonst werden die Krieger der Kar Tuul Schlächter genannt. Und drittens: Ich behaupte, dass ich ein gutes Gespür für Menschen habe. Ich will erst mal deine Version der Geschichte hören, bevor ich dich ungesehen in die Hände von solchen Kerlen gebe. Also? Wie ist dein Name und was hast du getan, dass solche Kerle hinter dir her sind?“
Für ein paar Sekunden herrscht Schweigen, doch dann beginnt die Frau zu erzählen.
„Mein Name ist Kaalitha. Ich komme ursprünglich aus dem großen Elfenreservat hinter den Dragon Mountains. Allerdings… musste ich von dort weg. Warum, ist egal. Seitdem sind diese Typen hinter mir her.“
Mein Blick verfinstert sich etwas und mit ernster Stimme erwidere ich:
„Gerade das WARUM interessiert mich. Ich bin Ranger, wie du mitbekommen hast. Und allein der Fakt, dass du von Kopfgeldjägern gesucht wirst, würde reichen, dich in Gewahrsam zu nehmen. Was aber wahrscheinlich besser wäre, als mit den beiden Typen mitzugehen, oder nicht?“
Bei der Erwähnung, dass die Kopfgeldjäger sie mitnehmen könnten, zuckt Kaalitha zusammen. Widerwillig fängt sie an zu erzählen.
„Ich… ich wollte meinen Bruder beschützen. Wie du sicherlich weißt, steht das Reservat unter dem Schutz eines Drachen. Als Gegenleistung für seinen Schutz verlangt der Drache von uns einen Tribut. Alle zehn Jahre müssen wir einen Auserwählten dem Drachen übergeben. Diese Person muss über ein hohes magisches Talent verfügen und darf nicht älter als zwanzig Jahre sein. Dieses Jahr war es wieder so weit und der Auserwählte…“
Sie bricht ab, und ich vollende ihren Satz ohne Rücksicht zu nehmen:
„… war dein Bruder. Okay, soweit klar. Was hast du getan, dass du aus dem Reservat fliehen musstest?“
Wieder eine kurze Pause, ehe sie fortfährt:
„Ich bin mit meinem Bruder geflohen. Natürlich wurden wir sofort verfolgt. Mein Vater… ein Stammesoberhaupt… verfolgte uns bis an die Grenzen des Reservates. Fast hätten wir es geschafft, doch er und seine Männer überwältigten uns. Ich konnte ihn niederschlagen und fliehen, doch mein Bruder…“
Ich höre ein leises Schluchzen unter der Kapuze. Ich seufze noch einmal tief. Ich kann Frauen einfach nicht weinen sehen. Scheint eine schlechte Angewohnheit von mir zu sein.
„Okay, okay. Warum weinst du jetzt?“
Die Kapuze hebt sich und ein leises, ungläubiges Wispern ertönt von Kaalitha.
„Warum? Warum fragst du? Sie haben meinen Bruder… dem Drachen geopfert! Sie haben ihn in seinen Tod geschickt!“
Nun ist es an mir, ungläubig zu schauen.
„Bitte, was? Opfern? Tod? Was redest du da? Lässt man euch wirklich glauben, der Drache würde die Tribute, die er fordert… fressen oder so?“
Man merkt, wie Kaalitha unschlüssig wird, was sie sagen soll.
„Aber… nein, so direkt hat es nie jemand gesagt. Jeder Tribut… in all den Jahren… niemand kam je zurück. Das muss doch bedeuten…“
Ich schlage meine flache Hand an meine Stirn, was Kaalitha etwas aufschrecken lässt.
„Ernsthaft?! Du gehst einfach davon aus, dass nur weil keiner der Tribute jemals ins Reservat zurückgekehrt ist, der Drache sie gefressen hat? Also nur mal angenommen, es wäre so, dass der Drache sie frisst, warum verlangt er dann nur alle zehn Jahre einen Tribut? Glaubst du, er ist zehn Jahre lang satt von einem schmächtigen Elf? Und warum muss er magisches Talent haben? Wenn es nur ums Fressen gehen würde, könnte ein Drache sich doch einfach nehmen, was er haben will. Bist du nie auf den Gedanken gekommen, dass vielleicht etwas anderes hinter den Tributen steckt? Und hast du nie deinen Vater danach befragt oder einen der Dorftältesten?“
Kaalitha schweigt und ich fahre fort:
„Pass auf. Die Tribute sollen jung und magisch talentiert sein. Und zwar aus dem einzigen Grund, weil sie als Lehrlinge für den Drachen dienen. Er unterweist sie in Magie!“
Kaalitha keucht auf.
„Was? Lehrlinge? Magie?! Aber woher… willst du das wissen?“
Ich lächle.
„Woher? Ganz einfach. Ich war ebenfalls sein Lehrling.“
Ein Keuchen.
„Was?“ Dann lauter, sodass sich einige Blicke auf uns richten:
„DU WARST SEIN LEHRLING?!“
Ich versuche, Kaalitha schnell zu beruhigen.
„Hey, leiser, verdammt. Wir sollten nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf uns ziehen als sowieso schon. Außerdem sind die beiden Kopfgeldjäger eben raus. Wir sollten auch zusehen, dass wir verschwinden.“
Kaalitha schaltet erstaunlich schnell um und beruhigt sich.
„Ja, du hast recht. Am besten nehmen wir die Hintertür.“
Ich schüttele meinen Kopf.
„Vergiss es. Die Typen waren ja mindestens zu zweit, und selbst wenn sie nicht die Schlauesten sind, wird bestimmt einer von denen die Hintertür im Blick haben. Wir gehen übers Dach.“
„Übers Dach? Bist du verrückt? Die nächsten Häuser sind auf allen Seiten bestimmt drei oder vier Meter entfernt!“, zischt sie.
„Lass das mal meine Sorge sein. Ich hab da so meine Tricks“, zwinkere ich ihr zu und stehe auf, mache mich auf zur Treppe, die in den ersten Stock führt. Auch wenn sie Bedenken hatte, folgte Kaalitha mir schnell.
Als alteingesessener Ranger hatte ich natürlich vorab den Saloon ausgekundschaftet und fand die Leiter hinauf unters Dach sofort. Auch die Luke hinauf aufs Dach war leicht zu finden. Wir beide steigen lautlos aufs Dach. Dass wir uns nahezu lautlos bewegen, liegt in Kaalithas Fall daran, dass sie zum Volk der Elfen gehört und es ein angeborenes Talent ist. In meinem Fall kommt es von Windmagie. Ich gehe sozusagen auf Luftkissen.
„Okay, wir müssen Richtung Westen. Dort am Rande von Dust City habe ich mein Reittier untergebracht.“
„Das ist ja alles schön und gut, aber wie kommen wir jetzt bitte auf das andere Gebäude? So weit springen kann niemand“, gibt Kaalitha zu bedenken.
Ich schaue sie mit einem breiten Grinsen an.
„Vertraust du mir?“
Ohne auch nur auf ihre Antwort zu warten, nehme ich Anlauf und springe. Ich komme knapp drei Viertel der Distanz weit mit meinem Sprung, aber ich würde unweigerlich in die Gasse zwischen den Häusern fallen, wenn ich nicht noch einen Trick auf Lager hätte. Ich nutze dieselbe Magie wie um meine Schritte zu verschleiern, nur dass ich dieses Mal das Luftkissen etwas größer mache und ihm stabilere Gestalt gebe, sodass ich wie auf eine Stufe trete. Diese Magie wird Luftschritt genannt, und Magier mit mehr magischer Kraft können sogar weite Distanzen mit dem Luftschritt überbrücken, was fast wie Fliegen wirkt. So kann ich die restliche Distanz mit einem weiteren Sprung überwinden.
Als ich drüben angekommen bin, winke ich ihr zu, dass sie auch springen soll. Kaalitha guckt mich nur ungläubig an und schüttelt mit dem Kopf, gestikuliert wild, um anzudeuten, dass sie das nicht schafft. Doch dann dreht sie sich um und guckt panisch. Wie es scheint, ist jemand dabei, aufs Dach zu kommen. Sie muss sich entscheiden: entdeckt werden oder springen. Sie entscheidet sich zu springen.
Ich beobachte sie genau, und im richtigen Moment wirke ich Luftschritt. Ich kann Kaalithas erstauntes Gesicht sehen, als ihr Fuß auf Widerstand trifft. Sie hat gute Reflexe und springt ebenso wie ich mit einem zweiten Satz zu mir auf das gegenüberliegende Dach. Schnell verstecken wir uns hinter einem Schornstein und gucken hinüber auf das Dach vom Saloon. Es ist dunkel, aber der Vollmond beleuchtet das Dach schwach und wir können die Silhouette des Kopfgeldjäger-Orks erkennen, der vorher im Saloon war. Nach ein paar Minuten des Suchens geht er zum Rand des Daches und starrt in unsere Richtung. Kurz hatte ich die Befürchtung, dass er uns gesehen haben könnte, aber dann schüttelt er nur ungläubig den Kopf und geht wieder vom Dach zurück in den Saloon. Gut, er scheint nicht zu glauben, dass wir rübergesprungen sind.
Ich atme erleichtert aus.
„Puhhhh… das war knapp. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so schnell nach uns suchen werden. Auu…“
Kaalitha verpasst mir einen Schlag auf die Schulter und zischt:
„Bist du wahnsinnig?! Was. War. Das. Gerade?!“
„Hey, ganz ruhig, Miss Aggressionsprobleme. Das war gerade Luftschritt. Noch nie davon gehört?“
Immer noch säuerlich guckt mich Kaalitha an.
„Nein. Habe ich nicht. Zur Info: Ich bin ein einfacher Gunslinger. Ich habe keine Ahnung von Magie.“
Ah, ein Gunslinger also. Personen im militärischen Bereich werden in drei Gruppen eingeteilt. Gunslinger sind Kämpfer, die keinerlei Magie nutzen können. Sie kämpfen und verteidigen sich lediglich mit Kampfkunst und physischen Waffen wie Schwertern, Äxten oder Bögen, Pistolen sowie Gewehren. Dann gibt es noch die sogenannten Spellcaster. Magier, die genug magische Kraft besitzen, um rein mit Sprüchen zu kämpfen. Sie stellen die größte Gefahr in einem Kampf dar, da sie massiven Schaden verursachen können, und das auch noch auf Distanz. Der Nachteil ist, dass ihre starken Sprüche Vorbereitungszeit benötigen. Sie müssen ihre magische Energie kanalisieren, meist mithilfe von Rezitationen bestimmter Formeln. Währenddessen sind sie angreifbar. Die meisten Zauber, welche ohne Formen gewirkt werden können, sind in etwa so gefährlich wie Kugeln. Und dann gibt es noch Leute wie mich: Spell Slinger. Leute, welche zwar Magie wirken können, welche aber so schwach ist, dass sie keine oder nur kaum Auswirkung hätte, würde man sie allein im Kampf einsetzen. Um diesen Mangel an Kraft zu kompensieren, wurden magische Waffen entwickelt, welche mithilfe von Zufuhr geringer magischer Energie zum Angriff genutzt werden können.
Nachdem geklärt ist, dass Kaalitha keine Magie nutzen kann, setzen wir unseren Weg über die Dächer fort. Zum Glück gewöhnt sich Kaalitha schnell an die ungewöhnliche Fortbewegungsmethode und nach zehn Minuten haben wir den Stall erreicht, in dem ich mein Reittier untergebracht habe. Wir schleichen uns in den Stall und ich entzünde eine Laterne. Als Hasbar, mein Reittier, vom Licht erleuchtet wird, höre ich ein scharfes Einatmen. Kaalitha, die ängstlich einen Schritt zurückweicht:
„Oh. Stimmt. Ich hätte erwähnen sollen, dass mein Reittier ein Sleip ist.“
Ich gluckse leicht. Sleips sind selten und schwer zu zähmen, da sie stark und wild sind. Gelingt es einem aber, sind sie die loyalsten und zuverlässigsten Reittiere und Gefährten, die es gibt. Es sind mystische Tiere, die Ähnlichkeiten mit normalen Pferden haben. Aber das war es auch schon. Sie sind größer als das durchschnittliche Pferd, haben ein tiefes, dunkles, schwarzes, leicht lila schimmerndes Fell und sechs Beine. Zudem besitzen sie noch zwei Hörner, ähnlich wie bei Steinböcken, mit welchen sie sich verteidigen können, und sie haben tiefrot glühende Augen.
„Das ist Hasbar.“ Ich streichle Hasbar über das Fell, um Kaalitha zu zeigen, dass er nichts tut. „Er wird uns schnell aus der Stadt bringen.“
„Da… das… DAS ist ein verdammter Sleip! Wie… warum…“, stammelt Kaalitha immer noch erschrocken.
„Tja. Als Lehrling eines Drachen und Mitglied der Magic Ranger hat man so einige Vergünstigungen und Privilegien“, grinse ich sie an. „Aber komm… wir sollten uns beeilen, wer weiß…“
Weiter komme ich nicht, da sich die Tür öffnet und ein uns bekanntes Gesicht den Stall betritt: der Kopfgeldjäger, welcher uns zusammen mit seinem orkischen Kumpan im Saloon bereits seine Ehre erwiesen hat. Er begrüßt uns mit schnarrender Stimme und auf uns gerichteten Revolver.
„Aha… der gute Herr Ranger und seine diplomatische Freundin.“
Er grinst böse.
„Uhhh, welch eine Überraschung. Das Gesicht Ihrer Diplomatin scheint ja doch nicht ganz so entstellt zu sein. Und es hat erstaunliche Ähnlichkeit mit dem unserer gesuchten Verbrecherin.“
Ich seufze tief.
„Dass es sich dabei nur um reinen Zufall handelt, wirst du wahrscheinlich nicht glauben, habe ich recht? Dir ist aber schon klar, dass du nicht einfach einen Ranger abknallen kannst, oder?“
Der Kopfgeldjäger grinst jetzt noch gemeiner.
„Oh, keine Angst, Ranger. ICH werde dich nicht abknallen. Das wird unsere nette kleine Elfe hier tun. Und danach werde ich sie erschießen, in dem Versuch, dem Ranger zur Hilfe zu eilen. Leider Gottes bin ich etwas zu spät und der Ranger ist schon tot. Zumindest werde ich es so erzählen. Ich meine, wer soll meine Geschichte widerlegen, wenn ihr beide mit Blei vollgepumpt seid?“
Ich muss zugeben, der Kerl scheint nicht halb so dumm zu sein, wie er aussieht. Aber ich bin trotzdem schneller und besser ausgebildet als er.
„Hey, Kaalitha. Du bist schnell, richtig?“ richte ich eine Frage an meine elfische Begleitung, ohne den Kopfgeldjäger aus den Augen zu lassen. Dieser guckt etwas verdutzt.
„Ähm… ja, aber was tut das jetzt zur Sache? Schneller als eine Kugel bin ich auch nicht“, ätzt Kaalitha zurück.
„Ach, keine Angst. Das sollte kein Problem sein.“
Kaum dass ich meinen Satz beendet habe, schnellt mein Arm vor, welcher sich während des Gesprächs hinter meinem Rücken vorgearbeitet hat. An der Wand hinter mir hing ein Hufeisen, welches ich nun, verstärkt durch Magie, mit unmenschlicher Geschwindigkeit werfe. Das Hufeisen trifft zielgenau die Waffe des Kopfgeldjägers und presst sie ihm aus der Hand. Fast im gleichen Augenblick rufe ich:
„Kaalitha! Schlag ihn K. O.!“
Ohne zu zögern sprintet Kaalitha vorwärts und verpasst dem verblüfften Kopfgeldjäger einen Kinnhaken, der ihn fliegen lässt. Ich ziehe nun selbst meinen magischen Revolver und gehe langsam und vorsichtig zu dem am Boden liegenden Mann. Aber er ist bewusstlos und rührt sich nicht mehr. Ich gucke Kaalitha grinsend an.
„Wow… hinter deinen Schlägen steckt ganz schön Wumms. Erinner mich dran, dich nicht zu wütend zu machen.“
Kaalitha schaut mich grimmig an und erwidert:
„Es fehlt nicht mehr viel und ich bin tatsächlich ZU wütend auf dich. Weihe mich gefälligst in deine Pläne ein! Was hättest du gemacht, wenn ich nicht verstanden hätte, was du von mir willst?!“
Ich zucke mit den Schultern.
„Hmmm… ich hätte improvisiert.“
Ich sehe, wie Kaalitha Kiefer mahlt.
„Improvisiert…“, presst sie hervor, und ich lache.
Ich steige auf Hasbar und halte Kaalitha meine Hand hin, um ihr hochzuhelfen. Zwar guckt sie immer noch skeptisch, nimmt aber meine Hand und lässt sich hinter mir auf Hasbar ziehen.
„Halt dich fest.“